Eat Shit



Die Erfahrung, ein Ausländer der zweiten Generation in Deutschland zu sein, ist so vielfältig und komplex, wie die eigene Herkunft mit Existenz in einer anderen Welt zu vereinbaren. Ebene um Ebene, die sich auffächert. Als grobe Regel und Präambel für einen Brief an das Museum für Angewandte Kunst Frankfurt lässt sich meine Erfahrung einfachheitshalber in zwei Konditionen aufsplitten: Scheiße fressen und extreme perspektivische Vielfalt. Diese Seinszustände und Bewegungen schließen sich nicht gegenseitig aus, lassen sich nicht einfach auflösen. Man frisst sein Leben lang Scheiße und erhält nicht wie Shakyamuni eine befreiende Sicht der Dinge, dadurch dass man Variante Scheiße in vielen Aggregatzuständen zu sich genommen hat. Es macht nicht “click”, kein drittes Auge durch das Wissen, das alles Scheiße fressen keine Rolle spielt und am Ende eine Freiheit von einer Welt steht, die einen dazu zwingt, sich den Bauch vollzuschlagen, um darin bestehen zu können, nicht in die Rahmen zu passen, die ständig von den Anderen, Weißen und “eigenen” Kulturkreisen nahegelegt werden.


Nach einer Menge Scheiße lernten meine Eltern der Umwelt zu misstrauen, aus einem Leben dazwischen in die Angst vor einer Welt zu gehen, deren negative Ladung sich mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen sie stellen wird, ein Drive, der weder Zerstörung noch Kreation ist – Politik und Kultur als Kräfte, die alles in der Umwelt verwirken, weder hier noch dort sein lassen und unweigerlich die eigenen Vorstellungen von Existenz und Selbsttranszendenz zerstören. Aka die Scheiße, die die Kinder ruiniert und eine Scheiß-Welt, die uns alle ruiniert.


Trotz dieses besonderen Mean-World-Syndroms gelingt es einem, selbst zu verdauen und mehr zu verstehen. Kultur als eine Kraft zu erkennen, die gelernt werden kann, verstanden in vielen Facetten erscheint und Politik als die Wild Card anzuerkennen, die sich alten Vorstellungen gemäß immer weiter und höher entwickelt, aber sich ebenso schnell gegen den Fortschritt wenden kann. Als Ausländer weiß man mit Glück etwas früher, dass Natur genauso wenig existiert wie Chancengleichheit. Wenn die Literatur verschiedenster Zeit der dunklen Hautfarbe eine mindere Intelligenz zuschreibt und die Kultur eines unbekannten Mutterlandes als eine mysteriöse Esoterik und Naturphilosophie erscheint, die gegenüber der Vernunft der westlichen Mitte keine echte Alternative darstellen kann, aber geil für Urlaub und Yoga ist, weiß man, als jemand der immer gemeint ist, wenn es ums Anderssein geht, sehr genau was Sache ist. Heute widerlegt man diese kruden Thesen wie mit einem Mantra der Besserung – haben die Nazis ja verbockt – aber in jeder Erfahrung, in der man krumm von der Seite angeschaut wird, Geldbörsen und Taschen festgehalten werden und man mit dem Bösen der Welt identifiziert wird, zeigt sich ein schwerer Glaube an die Natur und unwiderrufliche Qualität unserer Rassen in den Augen derer, die vermeinen, auf der richtigen Seite des Divides zu stehen.


Nachdem man lange an dieser Scheiße kaut, verliert sie an Textur, wird weich und transparent. Eine neue Perspektive eröffnet sich und man versteht die Angst vor dem Fremden in den Augen derer, die dazu erzogen werden, sich besser zu fühlen als andere und selten Schmerz und Anfeindungen wegen ihres bloßen Daseins erlitten haben. Jahrhunderte voller Scheiße und Druck von allen Seiten macht Diamanten – man glaubt, was unzerstörbar scheint.


Scheiße fressen hilft der Rundumsicht. Ein Problem, eine vorgestellte Tatsache wird so lange durchgekaut – weil Inder/Tamile/Hindu, Kuh und weil Kuh ja natürlich auch Wiederkäuer – bis sie in ihrer Vielfältigkeit verstanden ist. Vor der Scheiße war Nahrung; Gift, Platons Pharmakon. Du alter Wichser wirst gefeiert und dabei bist du vielleicht der ideologische OG der Hierarchisierung und Unterdrückung des Anderen in der westlichen Welt. Well Done. Ausländer als absoluter Skeptiker, immer hinterfragen, was mir da wieder für neue Scheiße geboten wird. Das Besondere ist eben, dass man nie aufhört, Scheiße zu fressen, immer wieder die gleiche, weil dieselben Dummheiten aus den Erfahrungsräumen meiner Eltern der 80ern und 90ern nur mutiert sind, aber mit anderer Festigkeit fortleben. Man weiß eben nur besser Bescheid, denkt darüber nach, “woher diese Scheiße kommt” und “wohin diese Scheiße wohl gehen mag”, bis man glaubt, aus dieser Scheiße auch wieder etwas produzieren zu können – selbst wenn man sie noch jahrelang fressen muss.


Diese Scheiße hier war ein jahrelanger Versuch mit Bildung ein Ausländer in Deutschland zu werden, der rassische Grenzen einfach überschreiten kann. Da ankommen, wo die Leute, die behaupten, Rassismus gibt es nicht mehr, gleichzeitig meinen, jeder habe Zugang. Dahin, wo die Leute, die sich lieber die Augen auskratzen, als Scheißefresser mit Erfolg zu sehen, den Selbstmord mit vorhergehender Waffengewalt planen oder den Versuch unternehmen, erneut in die Politik einzugreifen und auch dort um sich zu schlagen. Bis zu meinem Studium habe ich und haben viele andere Ausländer und Minderheiten genau dies geschafft und beide Personengruppen bestätigt. Erstere glauben, Rasse sei schon lange überwunden und nur noch ein hässlicher Fleck der europäischen oder anglikalen/amerikanischen Geisteshaltung; die anderen hingegen sehen die dunklen Flecken größer werden und zu einer Bedrohung gerinnen, die die Umvolkung bewirken werden, das Ende der alten Weltordnung. Dass es hier immer die Leute gibt, die behaupten, dass die, die sich angepasst haben und integriert sind, gerne im Land bleiben dürfen und nicht das Problem sind, ist eine zähe Scheiße, die den Mitläufern und gemäßigten Dummköpfen gut runtergeht.


Ein Studium der Geisteswissenschaft mit einem Master abzuschließen, war ein großer Sprung, der viel gekostet hat. Gegen den Willen einer “Heimatkultur”, die will, dass man Kohle scheffelt und Arzt, Anwalt oder Ingenieur wird. Ansehen dieser alten Welt in sich vereinen und dazu noch schön reich sein. Am besten natürlich noch einen anderen Scheißfresser aus dem alten Dorf der Eltern heiraten, um den Jackpot der rückwärtsgewandten Reinheitsgebote feiern – weil uns die Fremdheit zersetzt und es den Spirit einer Nation und Ethnie aufrechtzuerhalten gilt. Gleiche Scheiße nur in braun und mit Hochzeiten, auf denen es wenigstens genießbares Essen gibt.


Nein, es mussten die Geisteswissenschaften sein, die Lehren, die es ermöglichen können, in die Kultur einzugreifen, Zugang zu Institutionen zu finden, die die Geisteshaltung der Menschen mitbestimmen und ausmachen. Egal, wie klein dieser Ansatzpunkt auch sein mag, es musste so sein, dass ich Content Creator sein kann, jemand der in Schrift, Film, Bild wirkt, ermöglicht, auswählt – Kultur kuratiert. That´s the plan und der ist zumindest auf dem Papier gelungen, auf dem Zeugnis, oder als Helfershelfer, weil man ohne Macht auch locker sein darf, wer man will.


Aber bei der Frage, Teil des Spiels zu werden, einer zu werden, dessen Name an der Tür oder Website steht, auch nur als Helfershelfer Prime in Form eine Volontärs sublimiert die Scheiße, wird schwer greifbar, hängt in den Atemwegen fest und macht alles ungenießbar. Dieser Brief an das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main erklärt alles Weitere. Zu sagen bleibt nur, ich habe nun ein Jahr diese Scheiße geatmet, darüber nachgedacht und in Zweifel darüber gelebt, ob ich nach so viel Scheiße fressen in Paranoia lebe und überall nur noch Scheiße empfinde. Das ist eine große Angst meiner Erfahrung als Ausländer: Nachdem man eine Identität pflegt und führt, die so viel reicher ist als die Tatsache, in einem Land geboren zu sein, aus dem die Eltern nach früheren Geboten von Blut und Boden nicht stammen und dazu noch eine andere Hautfarbe besitzen, in die Falle gehen und von dieser einen Zuschreibung annektiert zu werden. Nachdem eine Welt mich und andere dunkelhäutige Menschen mit Scheiße identifiziert, diesen Fäkalbegriff an den Kopf wirft und die Existenz und eigenen Fähigkeiten zum Abfall werden lässt, nur noch Scheiße fühlen, sehen, hören, schmecken und riechen. Das ganze Leben dem Kauen von Scheiße widmen und sich selbst verlieren. Doch die andere Bewegung in mir speist sich eben aus dieser dreckigen Metapher und das darf man nicht vergessen, wenn man sinniert und meint, die eigene Existenz und alle Ambitionen verflüssigen sich. Denn diese Scheiße ist durch und durch weiß, definiert sich dadurch, für den Großteil der Bevölkerung Deutschlands unsichtbar zu sein und mit netten Ideen wie Meritokratie und Verweisen aufs Grundgesetz hauchdünn verschmiert zu werden. Man frisst Rassismus als Ausländer mit und ohne Bildung jeden Tag und genau dann, wenn es darum geht an Orten zu sein, in denen man nicht erwartet oder gerne gesehen ist. Denn Weißsein ist ein Zustand des unkritischen, ein nicht-reflektieren-Müssen bis diejenigen, die die Scheiße fressen müssen, glauben, sie seien verrückt und bilden sich diese Erfahrungen nur ein.


Einen Anspruch auf Wahrheit besitze ich ebenso wenig wie die Gegenseite. Aber den Anspruch, meine Situation zu überdenken, die Scheiße zu fressen und zu atmen und daraus etwas zu machen, dass sich wie Wissen anfühlt und vielleicht auch für alle anderen interessant ist. Die Metapher ergibt sich aus der Zuschreibung meiner Hautfarbe, Schwarzsein als Negativität, Verlust des Guten und Richtigen und eben weil man nicht gerne darüber spricht. Der Brief an das MAK ist keine Anklage und soll auch nicht dazu dienen, irgendjemanden in ein schlechtes Licht zu rücken. Wie man oft liest, ist diese Scheiße struktureller Natur, gasförmig und überall ein bisschen enthalten. Es geht viel eher um die Darstellung und die Hoffnung, es in Zukunft besser zu machen. Thank you for listening... now take a deep breath and eat shit.

Letter to the MAK

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