Letter to the MAK
“A pigeon can´t drop shit if it never flew”
– Cannibal Ox “Iron Galaxy”
Sehr geehrte Frau Weber, sehr geehrter Herr Wagner,
Dies ist keine erneute Bewerbung auf eine Stelle am Museum für Angewandte Kunst. Mein Anliegen ist ein anderes. Es ist eine Schilderung meiner Erlebnisse mit Ihrem Haus, mancher Mitarbeiterinnen und einiger Wahrnehmungen zu dem Umgang mit Bewerbern, zur Einstellung von Volontärinnen und People of Color.
Vielleicht erinnern Sie sich noch an mich, im Sommer 2017 und 2018 war ich bei Ihnen und Ihren
Kolleginnen zu Bewerbungsgesprächen für zwei Volontariatsstellen eingeladen. 2017 war die Aussicht auf eine Stelle für mich der große Fang. Als frischer Absolvent der Literatur- und Kulturtheorie in Tübingen und mit einem Profil, dass ich seit meinem Masterstudium explizit und eigenhändig auf angewandte Kunst, Ästhetik und Sinnlichkeit gerichtet hatte, erschien das Museum für Angewandte Kunst neben dem Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg als DIE Stelle, meine Fertigkeiten unter Beweis zu stellen und einen Platz in der Kunstlandschaft Deutschlands zu finden. Zudem kam die Einladung zum Gespräch in einer Zeit, in der meine akademische und professionelle Orientierung zu nicht sehr viel mehr als einem Abschluss mit der Gesamtnote 1,1, großem Lob meiner Masterbetreuer und einer sofortigen Einstellung als Mitarbeiter an der Kasse des Saturns Tübingen gereicht hatte. Ein Fakt, den ich auch gerne bei unserem Gespräch erzählt habe, reflektiert, ernst und mit einer Menge Selbstironie, um den Raum nicht mit einfachen Wahrheiten zu vergiften.
Unser Gespräch lief meiner Ansicht nach sehr gut. Wir haben über die verschiedensten Ideen des Museums gesprochen, den Zugang zur Welt über die sinnliche Wahrnehmung und auch spezifisch über die Welt der Gerüche und wie das Thema uns beide in den Bann zog. Von meinen Qualifikationen im kuratorischen Team zu arbeiten, schienen Sie und Frau Weber überzeugt zu sein. In meiner Zeit als Student habe ich große Teile meiner Zeit damit zugebracht, mein eigenes Schreiben und Denken voranzutreiben als auch in relevanten Bereichen, einer Galerie in Stuttgart und einem Kunstmagazin zu arbeiten. Am Ende haben Sie mir sogar ein Buch geschenkt, dass Sie und Ihr Mitarbeiter über Geruch in der Kunst geschrieben haben. Damit ging ich guter Dinge, mit einem Lichtblick Richtung Zukunft wieder dazu über, an der Kasse zu stehen und Kunden, deren Horizont meist nur dazu gereicht, mich als ungelernte Hilfskraft / Ausländer / Flüchtling zu sehen, bei dem Deutsch am besten ganz langsam gesprochen wird, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Zumindest für eine Zugfahrt und einen Abend hatte ich Hoffnung.
Gleich am nächsten Morgen die Rückmeldung: Ihren Worten nach hatte ich Sie sehr überzeugt, beeindruckt sogar! Dennoch fiel die Wahl auf eine andere Mitbewerberin, deren Profil besser in die kuratorische Richtung passen würde. Darauf folgt von Ihrer Seite die Überleitung, dass Sie mich aber gerne für eine baldig frei werdende Volontariatsstelle in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einsetzen würden. Auf meine Nachfrage, von welcher Wahrscheinlichkeit wir hier sprechen, sagten Sie mit einer Sicherheit von 90-95% Prozent wäre die Stelle mein. Die Ausschreibung sollte im Dezember 2017 erfolgen, die Einstellung im Frühjahr und der Kontakt sollte erhalten bleiben. Diese Aussicht wandelte die Absage in eine erneute Hoffnung, vor allem nach dem Gedanken, weiterhin bei Ihnen arbeiten zu können und mit dem Wissen, dass mein Profil durch mein journalistisches Portfolio wohl besser für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gedacht sei.
Die nächsten Monate ging ich in meinen persönlichen Survival Mode über, die Anerkennung meiner Arbeit schien erfolgt. Natürlich war da immer der Zweifel, das Wissen um den Arbeitsmarkt und unzählige weitere Bewerbungen an unterschiedlichste Häuser als Volontär oder als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Wenn eine seltene Antwort folgte, dann eher um sich zu erkundigen, warum ich keine Kunstwissenschaft studiert habe, ob eine Promotion gerade angefangen sei oder letztlich, dass mein Profil nicht das richtige sei. Manche staunten nicht schlecht, wie Sie, über meine Biographie, die Sprache, die Präsenz. Wenn ich das blaue Saturn Hemd für ein Olymp Hemd tauschen, meine Worte zur Geltung bringen und mich mit meinen Referenzen zeigen konnte, wussten die Menschen, dass sie es mit einer gebildeten Person zu tun hatten, die Drive besaß, Mittel und Wege kannte, etwas zu verwirklichen und sich seiner Fähigkeiten sicher war. Doch gereicht hat es nie.
Im Blick blieb immer ein fast greifbares “bald”. Nie hat mich die körperliche Arbeit gestört, die Stunden, die ich als Knecht eines sterbenden Geschäftsmodells opfern musste. Meine Kollegen waren aller existierender Stereotype zum Trotz aufrichtige und arbeitsame Menschen, die mich wertschätzend in ihre Reihen aufnahmen. Eine Frage, die immer aufblitze und selbst meine Chefin bei der Einstellung stellte, war, “warum sind Sie überhaupt hier?”. Warum ich nach aller Bildung und Qualifikation als Kassierer arbeiten müsse und sich keine anderen Optionen für den Broterwerb ergeben würden. Eine Frage, die ich mir damals auch oft stellte, aber mit der simplen Realität und dem Wissen um die Notwendigkeit eigenes Geld verdienen zu müssen, beantworten konnte.
Denn es war kein Raum, keine Möglichkeit, um nach dem Studium nur nach Jobs zu suchen, wieder zu den Eltern zu ziehen, von diesen finanziert zu werden oder eben mal ein Praktikum für 400 Euro oder überhaupt kein Geld zu machen. Schon mit 14 Jahren stand ich mindestens die Hälfte meiner Sommerferien als Aushilfs-Dreher (heute Zerspannungsmechaniker) in Firmen und assistierte meinem Vater und seinen Kollegen in Arbeiten, von denen mein Vater nie wollte, dass sie meine Zukunft darstellen. Heiße Luft voller Wasserdampf und Öl, Metallspäne und stundenlanges Stehen für sechs Euro die Stunde lehrten mich die gleiche Einsicht, zeigten mir eine Welt, die die alltägliche Realität vieler meiner Arbeiterfreunde darstellt. Für mich ging es in dieser Arbeit, wie auch im Saturn, nie um eine Zukunft, es ging um eine Basis, um Notwendigkeit. Damals Geld verdienen, damit ich den typischen Bedürfnissen eines Teenagers nachkommen kann, ohne meinen finanziell schwachen Eltern zur Last zu fallen. Bücher, Musik und Videospiele kaufen können, die auch heute noch eine erhebliche Basis meiner moralischen und geistigen Bildung darstellen und von denen ich weiterhin sagen würde, die Schule und die Universität waren die Katalysatoren und Kanäle, um die Erfahrungen aus Kunst und Medien in die richtigen Bahnen zu lenken. Später war die Arbeit für den reinen Broterwerb, Miete zahlen und auf eine Zukunft sparen, die bald kommt. Umzüge, Kautionen, andere Grundlagen, um “flexibel” und wettbewerbsfähig zu sein.
Der November kam, aber keine Meldung. Auf meine Anfragen keine Antwort. Bei einem Telefonat war sich Frau Schwarz nicht sicher, ob jemals eine solche Stelle ausgeschrieben werden würde. Ein Blauhemd zu sein, wurde von Tag zu Tag schwerer. Die Arbeit am Kunden, die Servicefreundlichkeit, der Zwang unter Beobachtung zu funktionieren und mit miesen Mitteln zu verkaufen. Corporate ist auch in Tübingen aktiv, wenn auch nur in Form einer aufgesetzt freundlichen Frau, die von allen gemieden über die Schulter schaut und vorgefertigte Sätze über den Betrieb und Teamfähigkeit von sich gibt. Meine Entscheidung, den Betrieb zu verlassen und nach anderen Berufen zu suchen, war nicht nur hiervon beeinflusst, sondern vielmehr davon, nach einem Beruf zu suchen, der wenigstens etwas für meine geistige Entwicklung tun würde bzw. die Zeit und den Raum lassen würde, mich zu bewerben und zu lesen. Als mich am zweiten Januar 2018 eine Mail von Frau Schwarz mit der Nachricht erreichte, dass aufgrund von Sparmaßnahmen die Ausschreibung der Stelle erst im Sommer erfolgen würde, hatte ich zwar noch keinen anderen Job in Aussicht, nahm die Nachricht aber als ein Lebenszeichen von Ihrer Seite, dachte, der Funke existiere noch immer. Selbst, dass Frau Schwarz auf eine korrekte Anrede verzichtete und meinen Namen über copy-paste zu übernehmen schien, war halb so wild – wenigstens schien das Geschlecht richtig zu sein.
Mit Glück war ich nach der Saturn-Experience genau einen Tag arbeitslos. Ich fand eine befristete Stelle im Prüfungsamt der Universität Tübingen und konnte dort mit einem großartigen Team einer Arbeit nachgehen, die näher an der Universität und den Geisteswissenschaften gelegen war. Vor allem blieb nach der Arbeit genug Zeit und Muße für Bewerbungen und eigene Entwicklung. Wenn ich schon damals und an meinen Freunden eine Beobachtung machen konnte, ist es die, dass die Arbeit in Fabriken und im Retail wenig Raum für eigene Interessen und Weiterentwicklung lässt. Die Arbeit nimmt den Geist ein, lässt auch nach der Schicht nicht los, sondern den Menschen nur müde zurück. Egal mit wieviel Elan man sich dagegen wehrt, etwas bleibt auf der Strecke, der Lohn wird zu einem Selbstzweck, wenn sich keine Externalität im Leben findet.
Die nächsten Monate verbrachte ich in Antizipation auf Rückmeldung und mit täglichen Bewerbungen und ebenso täglichen Absagen verschiedenster Stellen aus ganz Deutschland. Als auch im Juni noch keine Meldung oder Ausschreibung erfolgte, ging ich auf Sie bzw. Frau Schwarz zu und wurde mit Unwissen und Unsicherheit getroffen, die mit Sicherheit nicht ihr verschulden war, aber meine Situation nicht verbesserte. Nach einigem Hin und Her versicherte mir Frau Schwarz die Ausschreibung einer Stelle in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zum Ende des Monats hin und mit dieser Meldung lehnte ich auch die Verlängerung meiner Stelle an der Universität ab. 90-95% drehten sich in meinem Kopf, der Wille einer Arbeit mit ganzem Herze nachzugehen, pochte in mir.
Als ein paar Wochen später aus der Stelle für die Presse- und Öffentlichkeit eine Stelle im Create Team und der Kunstvermittlung wurde, dachte ich mir nur, dass ich auch hier gute Arbeit leisten und mich auf die neuen Herausforderungen gerne einstellen würde. In meiner Ausrichtung auf Körperlichkeit und Sinnlichkeit spielten die Erfahrungen von Räumlichkeiten im Kontext von Ausstellungen und Museen eine große Rolle. Erika Fischer Lichtes Theoriegebäude zur Performativität war für mich zum Common Sense geworden und in meinem Nachdenken über jegliche Ausstellung waren Überlegungen zur sinnlich-körperlichen Annäherung an das Material die Norm. Auch als Frau Schwarz meinte, das ich mich gewiss nochmals für die Stelle vorstellen müsste und auch von den 90-95% Prozent nichts wusste, war ich weiterhin guter Dinge. “The ways of corporate” oder eben die Auflagen einer öffentlichen ausgeschriebenen Stelle, die vom Land finanziert ist. Weiterhin ging ich nicht davon aus, dass mir diese Stelle sicher sei oder dass ich mich nicht unter Beweis stellen musste. Meine ersten Reaktionen waren die nächsten zwei Monate bis zum 31. August zu nutzen und mich in die Materie so gut wie es nur geht einzuarbeiten. Wenn ich eine Sache schon früh verstanden hatte, und mir eine Sache von meiner Mutter in die Wiege gelegt wurde, dann, dass ich für alles in meinem Leben kämpfe müsse und mir nie etwas gegönnt sein würde. Von allem Pessimismus abgesehen, bewahrheitete sich dieser Mythos von meiner Schulzeit bis hin zum Zivildienst, persönlichen Beziehungen, Studium oder den neuen Berufen. Nicht minder, weil ich talentlos oder schwer von Begriff bin, sondern aus meiner Herkunft und meinem Aussehen heraus, eine Tatsache und Nennung auf die Sie bestimmt schon gewartet haben, aber nur Geduld.
Dennoch, und nehmen Sie dies als naive Hubris von meiner Seite, dachte ich bei allen Wendungen weiterhin, man würde mich kennen und meinen Weg als Volontär stützen. Sie und Ihre Kolleginnen hätten dieselbe Antizipation mich kennenzulernen, sich meinen Wunsch, ein Teil Ihrer Institution werden zu wollen, anzuhören.
Der 31. August kam und mit seltener Nervosität wartete ich an der gleichen Stelle wie vor einem Jahr darauf, dass Sie beide, Frau Richter und Frau Schwarz wieder von der Mittagspause zurückkehren. Schon die Begrüßung ließ mich wissen, dass ich zwar von Ihnen nicht vergessen wurde, aber die Aussicht auf eine bevorzugte Behandlung nicht zutreffend sei. Gut, dachte ich, wie immer kämpfen und beweisen. Als wir dann letztlich Platz nahmen und das Gespräch begann, dämmerte mir mit den ersten Fragen ein bitteres Gefühl. Als Sie wissen wollten, wie es mir in diesem Jahr seit unserer letzten Begegnung ergangen sei, merkte ich, Sie erwarten eine große Geschichte, kreative Entwicklungen und tolle Projekte, und nicht die Antwort “Nur Arbeit, um Miete zu zahlen”. Ich erinnere mich, dass mir der Name der Ausstellung bzw. “Jil Sander” entfallen war, obwohl ich im Januar lange in der Ausstellung selbst saß und darüber nachdachte, was ich wie gemacht hätte und wo mich die Ausstellung mitgenommen hat und wo nicht. Genau in dem Raum, über den wir auch Sprachen, die Videoinstallation mit den Models auf dem Laufsteg und der Whiteness, die nichts mit der dargestellten Kollektion in der Arbeit zu tun hat, aber einem wachsamen Beobachter ebenso ins Auge fallen sollte.
Über diesen Punkt kamen wir auch auf das Thema Rasse zu sprechen, gekoppelt mit der Frage, welches Ziel meine Arbeit in der Vermittlung haben würde. Frau Richter erzählte mir überzeugt von dem Urban Gardening Projekt und der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern. Der Gedanke, der mir generell beim Besuch verschiedenster Ausstellungen, Führungen und Kunsthäuser kam, war es stets, mehr Zugang schaffen zu wollen. Als Ausländer – mit diesem Begriff fühle ich mich am wohlsten, doch Sie können auch gerne Person of Color denken – geboren und aufgewachsen im Süden Deutschlands und dazu noch in einer Kleinstadt an der Grenze des Schwarzwaldes war es für mich normal “der Einzige” zu sein. Der Einzige im Kindergarten, im Freundeskreis, der Schule und so weiter. Natürlich selten der einzige Ausländer per se, ich wuchs mit einigen russischen, ukrainischen oder kasachischen Kindern auf, da unsere Nachbarschaft auch von Kindern dieser Gastarbeiter in erster oder zweiter Generation geprägt war. Doch meist blieb ich immer der einzig gekennzeichnete Ausländer, nicht wegen eines Akzents, sondern ganz einfach wegen der Hautfarbe. Sie kennen diese Geschichte bestimmt schon aus aufgeklärte Erfahrungsberichte aus Bekanntenkreisen, Büchern oder anderen Medien. Die oder der zu sein, der immer beim Fangenspielen den “Schwarzen Mann” mimen muss, der mit Fäkalbegriffen benannt wird, bei dem es immer darum geht “anders”, nicht von hier zu sein, oder mit dem Doppelpack von “wann geht es zurück?” und “schön ist es in DEINEM Land” malträtiert wird. Deswegen bin ich auch gerne ein Ausländer, mir wurde die Zugehörigkeit immer abgesprochen und heute schließe ich mich von allem Wahnsinn der Nation, Herkunft und Zugehörigkeit selbst aus, möchte nicht Teil von hier oder dort sein, viel lieber im Dazwischen bleiben. Mit dem Studium machte ich zum ersten Mal die Erfahrung, nicht alleine zu sein. Menschen mit anderen Hautfarben als dem normalisierten Weiß kennenzulernen, die ähnliche Erfahrungen geteilt haben. Der gambisch-deutsche Kumpel, der trotz seiner geteilten Herkunft immer noch gerne als weniger intelligent eingestuft wird oder die ostasiatische Freundin, die als Exotin zum Objekt der Begierde stilisiert wird. Selbst in Tübingen waren diese Begegnungen möglich und wenn auch unsere Differenz oft genug negativ auf unsere Umwelt wirkte, ist es schön zu wissen, dass immer mehr “andersartige” Eingang in die höhere Bildung finden können.
Das Alleinsein wurde dann wieder Stark, als es in meine Interessengebiete ging. Andere kunstinteressierte Studierende waren zwar auch divers, aber sobald es darum ging, Einblick in die Institutionen zu haben, Praktikantinnen oder andere Mitarbeiter kennenzulernen, war ich wiederum eine Singularität. Die beste Art und Weise, wie meine Präsenz in der Strzelski Galerie, in der ich mein Praktikum absolvierte, je gefasst wurde, war die laute Frage, ob ich das “soziale Projekt” meines Chefs sei, als ich die Galerie in seiner Abwesenheit hütete und den Kunden durch die Ausstellung führen wollte. Natürlich gab es die Führung trotzdem und der Kommentar wurde, wie all diese miesen Kommentare, weggelacht – weil ein privilegierter weißer Mann gerne merkt, dass er witzig ist und positives Feedback auf Diskriminierung und Rassismus schon immer Kunst verkauft hat.
Auch bei Ihnen, wie bei anderen Gesprächen, war ich wieder der Einzige – business as usual. Ob wieder Frau Seemayer, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Frankfurt am Tisch saß, weiß ich leider nicht mehr, doch beim ersten Mal dachte ich dabei nur “wow, we´ve come a long way” – auch wenn ihre Anwesenheit nicht in erster Linie für PoC gedacht ist. Nun weiß ich natürlich nicht, ob Sie neben mir noch ein paar andere Einzige zur Vorstellung hatten und ob dies vielleicht auch nach mir noch ein paar Mal passiert ist, ich hoffe es natürlich, gehe aber stark vom Gegenteil aus. Ich wusste über Frau Kupka Bescheid. Eine Methode, die ich nach meiner Realisation des Alleinseins in den Orten, an denen ich immer schon sein wollte, entwickelte hatte, war mein persönlicher “Diversity Check”: Die Website des Instituts oder des Hauses durchgehen und nach anderen Farben und Namen suchen. Egal ob Universität oder Museum, diese Suche ist meistens natürlich eine Suche nach den Wenigen und Einzigen, selbst wenn meine eigene Alma Mater gerne jede Ethnie auf den Prospekten und Websites abbildet. Bei Ihnen fand ich Frau Kupka und war wenigstens beruhigt zu denken, dass es nicht unmöglich ist. Tokenism in full effect, sogar in den eigenen Reihen.
Als ich Zugang als einen wichtigen Punkt für meine eigene Arbeit nannte, schien Frau Richter recht unbeeindruckt. Vielleicht weil man nicht gerne hört, dass die eigene Arbeit und die eigene Umwelt trotz gefühlter Offenheit für die Welt und ideologischer Globalität weiterhin ein vermachteter Ort ist, an dem vor allem nicht die Armen aus anderen Bildungsschichten ohne weiteres Zugang finden. Allein beim Überqueren der Brücke, vom Bahnhof und über die Münchner Straße zum Museumsufer wurde mir dieser Unterschied bewusst, der für Sie und Ihre Kolleginnen implizit deutlich erschien, aber doch als ein kleiner “aha”-Moment ein Raunen verursachte. Bewegt man sich vom Zentrum weg, hin zu einem Viertel, dass sich den Künsten und ästhetischen Erfahrungen widmet, bemerkt man einen steilen Abfall in der Diversität Frankfurts. Für viele eine Spiegelung der Bildungsverhältnisse gekoppelt mit finanziellen Mitteln derer, die nicht an den weichen Rahmenbedingungen des Mittelstands und der Oberschicht teilhaben dürfen. Dieses Geflecht reflektiert weiter darin, dass die einzigen PoC, die in den Museen arbeiten, diese als Putzkraft, Hausmeister oder Aufsicht bedienen, selten besuchen und kaum mitbestimmen. Wenn ich ein Museum betrete und die Hilfskräfte mir zunicken – weil man es als Ausländer in diesem Land so tut – sie vielleicht in mir einen Freund, einen Sohn, ein vertrautes Gesicht ohne Vorurteile entdecken und ich ebenso an meine Eltern erinnert bin, träume ich davon, unsere Gesichter auch dort zu sehen, wo man sie bis heute nicht vermutet und zur Sicherheit immer auf Englisch ansprechen würde, weil wir hoffentlich nicht von hier sind.
Daher stellt es für mich einen großen Wunsch dar, andere Bildungsschichten und Hintergründe ins Museum und an die Kunst anzuschließen. Meine Ausrichtung auf angewandte Kunst und Konsumkultur ergibt sich auch aus der Erfahrung, in diesen Dingen einen Zugang zu ästhetischer Arbeit zu finden, die jedem möglich werden kann, während wir in vielen kunsthistorischen Museen noch mit den alten Türhütern, strukturell und menschlich konfrontiert sind, die Arbeiterkinder oder Ausländer ungern aufnehmen und wahrnehmen. Man springt gerne auf, wenn das Andere die heiligen Hallen betritt, denkt wir sind gekommen, um alles mit unseren infantilen patsche Händen anzufassen, zu klauen und einfach nicht zu verstehen, weil wir nicht in den Genuss des Ambrosias der höheren Bildung gekommen sind. Durch Design, Mode, Konsumgegenstände können (fast) alle in den Kontakt mit künstlerischer Produktion kommen, ästhetische Erfahrungen machen, ohne durch Vorlesungen über Tintoretto und Konsorten gegangen zu sein und von anderen Seiten in ihrer Wahrnehmung und Perspektive der Dinge delegitimiert zu werden.
Chemnitz war zu unserer zweiten Begegnung keine Woche her und auch die Geschehnisse dort beeinflussten unser Gespräch. Wir waren uns einig über die komplexe Situation, das Fehlen von Bildung und Aufklärung und darüber, in welcher Verantwortung Museen und andere Bildungsinstitutionen stehen würden. In Chemnitz sehen viele Ausländer eine frische Wunde der rechten Gesinnung und einer ungeschriebenen Wahrheit im Umgang mit Fremdheit in manchen Ecken Deutschlands. Die Warnungen, No-Go Zonen und Angst als Flüchtling, Harzer oder Asylant identifiziert zu werden, ergibt sich in der Generation meiner Eltern aus Erfahrungen eines Deutschlands der 80er und 90er Jahre, Nachrichten über Hoyerswerda (wo ich mich 2018 auch beworben hatte!) oder jünger dem NSU und aus dem scheinbar inhärentem Wissen, dass etwas wie Chemnitz immer möglich ist. Selbst hätte ich dies lange Zeit verneint, wie die Mitte der Gesellschaft auch auf alte Floskeln verwiesen und gesagt, so tief kann ein Land nicht mehr sinken und so stark sind die rechten Züge lange nicht mehr. Auch 88 Warnungen meiner Eltern hätten mich bis zu dem Tag nicht von dieser Meinung abbringen könne. Aber die Bestätigung kam und blinder Hass wurde als politischer Protest aufgefasst und getragen. Wir waren uns bei dem Thema sicher, dass es sich um den Osten als eine sehr bestimmte Region handele und eine solche Bewegung in Städten wie Frankfurt nie geschehen würde. Der Begriff Dunkeldeutschland fiel auch, was ich so gut wie möglich unkommentiert lassen wollte.
In all dieser Zeit und bei meinem Versuch, den Raum zu lesen, schienen Sie und Frau Weber in das Gespräch involviert zu sein, Frau Richter aber eher passiv teilzunehmen. Bei Ihrer Nachfrage, welche Erfahrungen ich im Bereich der Vermittlung gemacht hätte, konnte ich nicht mit vielen einschlägigen Praktika aufwarten, aber mit Führungen und einer längeren Arbeit in der Galerie, in der wir uns viele Gedanken über den Aufbau einer Ausstellung gemacht hatten als auch, durch eine wirtschaftliche Ausrichtung, wie man die Präsentation und Vermittlung der Kunst dafür optimiert. Über Körperlichkeit und Sinnlichkeit schien Frau Richter wenig sprechen zu wollen, war doch auch die Ausschreibung genau mit diesen Begriffen und dem Museum als Ort für Erfahrung und Begegnung formuliert worden. Am Ende schienen Urban Gardening, getrost beidseitig diffuse Definitionen der Arbeit als Kunstvermittlerin und eine Einigkeit über einen pädagogischen Zugang, der nicht offensichtlich ins Lehrende verkehrt werden darf, die einzigen Anhaltspunkte aus dem Gespräch.
Verlassen habe ich das Museum mit der ersten Vermutung, man habe mich aus einer eigenartigen Pflicht eingeladen, aus unstimmiger Kommunikation und möglicherweise auch, um Wort zu halten oder eine Quota zu füllen. Es gab keinen Moment, in dem dies wirklich deutlich wurde, aber aus dem abrupten Ende des Gesprächs und der trockenen Verabschiedung heraus blieb nicht sehr viel mehr übrig, als davon auszugehen, dass eine Altlast abgehakt sei, ohne ein wirkliches Interesse bekundet zu haben. Natürlich lässt sich dies auch mit einem generell schlechten Gefühl beschreiben. Während des Gesprächs mag Ihnen und auch mir vielleicht aufgegangen sein, dass irgendwas nicht stimmt, nicht passt und man aber trotzdem hier sitzt. Über Ihre Interna werde ich immer nur spekulieren können, die kleinen Puzzlestücke meiner Korrespondenzen mit dem MAK in eine für mich schlüssige Erzählung zusammenfassen.
Mir scheint Ihr Interesse an mir und meiner Arbeit am MAK genuin gewesen zu sein. Zumindest so genuin, wie das Interesse an einem seltenen Produkt oder einer besonderen Dienstleistung, die man nicht überall findet, die erfrischend klingt und die man für nur 1400 Euro monatlich bekommen kann. Bei der Flut von Bewerberinnen und den wenigen Stellen, nehme ich es mir heraus zu sagen, eine zumindest seltene Ausrichtung zu besitzen, die man gerne einkaufen würde. Wenn neben allen fachlichen Ausrichtungen noch meine Person selbst, mein Aussehen in die Rechnung miteinbezogen wird, ist es nicht abwegig, zumindest in Deutschland und der heutigen Zeit, immer noch aus der Masse hervorzustechen. Ich glaube, Sie sahen in mir Fähigkeit und Flavor, etwas, dass dem Haus einen Mehrwert verliehen hätte. So kompliziert diese Beobachtung auch sein mag, und so viel Angriffsfläche zur Verneinung sie auch birgt, als Bewerber auf dem Arbeitsmarkt bin ich mehr als froh, wenn meine Herkunft und Äußerlichkeit in seltenen Fällen hilft, mich zu vermarkten und meine fachlichen Interessen und Fertigkeiten noch mehr hervorgehoben werden können. Denn ich bin mir sicher, mit und ohne die kleinen Berichte, die alle paar Monate in der Forschung rund um Bewerbungen und Stereotype und Bias-Ansätze vorkommen: Mag meine Bewerbung beim ersten Anlauf 2017 gelesen und anerkannt worden sein, ist sie an vielen Stellen Deutschlands nicht mal geöffnet oder gleich aussortiert worden. Wegen des falschen Namens, des falschen Bewerbungsbilds, des falschen Images für Institutionen, die gerne mit der Welt zu tun haben und diese darstellen wollen, aber selten ein Abbild der Gesellschaft liefern können und sich hinter Ausreden höherer Abschlüsse und Meinungen verstecken müssen, wie vor einem wenig verschlüsselten Kodex, der sagt, wer Teil der Geschichte sein darf und wer nicht.
Bis jetzt, bis zum Nachmittag des 1. September, wäre diese überlange Schilderung nicht nötig geworden. Bis dahin hätte ich immer gesagt, ich verstehe diese Vorkommnisse als eine unschöne Häufung von Zufällen, Missverständnissen und einem schlechtem Code of Conduct, der unweigerlich mit Bewerbungsverfahren und Volontariaten überall seinen Lauf nimmt. Auch von anderen Stellen wurde ich mit ähnlichen Versprechen “warmgehalten”, aus der definitiven Zusage zu einem Bewerbungsgespräch wurde eine Einladung zum Kaffee zum Kennenlernen, nachdem die Stelle ohne ein Gespräch vergeben wurde, Interessenbekundungen und Jobangebote verflachten bei Bewerbungsgespräch zu Praktika oder der Aussicht auf freie Mitarbeit für 50-80 Euro pro Artikel. All diese Dinge konnte ich verkraften, auch die Absage, die vielleicht schon am Ende des Bewerbungsgesprächs für Frau Richter feststand. Doch mit dem Ablauf des Telefonats mit Frau Richter am besagten Nachmittag gekoppelt mit all diesen Vorkommnissen trage ich noch immer schwer. Die Aussicht für Sie und das MAK zu arbeiten hat sich in ein bitteres Gefühl gewendet, dass diese Institutionen für Menschen wie mich keine Option sein werden, zumindest so lange nicht, bis wir selbst wie Schläfer in die staatlichen Institutionen einsteigen können, Häuser ausrufen und potentielle Mitarbeiter mit mehr Verständnis behandeln können, als es die übliche weiße europäische Identität zulässt.
Als Frau Richter anrief, hatte ich die Absage schon mehr als erwartet. Doch, das müssen Sie wissen, war ich fern davon, meine Herkunft oder Hautfarbe für die Absage verantwortlich zu machen. Was ich von Frau Richter wissen wollte, war, warum es nicht gereicht hat, welcher Punkt es denn nun war, der nach all den Versprechungen und Ankündigungen dazu geführt hat, dass eine andere Person die Stelle bekommen hat. Frau Richter ging bei dieser Frage gleich dazu über, in Floskel und Code zu sprechen. Sie meinte, ohne mich zu verneinen und in geübter HR-Sprache, die Mitbewerberin habe eine höhere Motivation gezeigt und andere Stärken bewiesen. Bei der Nachfrage, was diese höhere Motivation denn bedeuten mag, der simplen Nachfrage, sich bitte genauer zu fassen, war Frau Richter für die ersten Momente nicht in der Lage eine Antwort zu liefern. “Die Motivation habe einfach nicht gestimmt”, kam auf den zweiten Anlauf. Auf erneute Bitte wurde von einem “passen” und “nicht passen” gesprochen. Weil die Antwort ausblieb, und mir diese diffusen Behauptungen nach mehr als einem Jahr Wartezeit mehr als ungenügend erschienen, ging ich nach den Erfahrungen des Gesprächs mit Frau Richter und einem unguten Gefühl unseres Austauschs dazu über, Frau Richter zu fragen, ob vielleicht auch andere Punkte, die nicht auf einem Bewertungsbogen zu finden seien, eine Rolle gespielt hätten. Dieser Beschönigung folgend “wusste” Frau Richter natürlich nicht, was gemeint sei, als ich daraufhin meinte, mir bleibe nach ihren Ausführungen nicht sehr viel mehr als davon auszugehen, dass meine Herkunft und die Farbe meiner Haut eine Rolle spielen könnten, wurde dies natürlich ausdrücklich verneint. Man würde nicht nach solchen Kriterien auswählen.
Hier dann wurde aus der fehlenden Motivation ein Fehlen von einschlägigen Praktika. Meine Referenzen seien nicht genug für ein Volontariat in der Vermittlung und ich hätte doch mehr Praktika innerhalb der Kunstvermittlung machen sollen. Meine simple Antwort, dass ich mehr Praktika nicht machen konnte, als ich sie absolviert hatte, und mir jetzt keine Möglichkeit mehr gegeben sei, mit 27 Jahren ohne Bezahlung ein Praktikum, wie es zum Beispiel zur gleichen Zeit am MAK ausgeschrieben war, zu absolvieren, wurde von Frau Richter mit “es gibt doch auch bezahlte Praktika” abgetan. Bei meiner Frage, ob denn das MAK bezahlte Praktika hätte, blieb es auf der anderen Seite des Hörers ungewöhnlich still… Als ich begann, Frau Richter meine Erfahrungen mit Ihnen und von den 90-95% zu erzählen, wusste sie wie vermutet nichts von solchen Hochrechnungen. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt ich die Nennung all dieser Dinge nicht für nötig, dies wäre für mich selbst wie Vitamin B erschienen, ein Vorteil nicht aus eigener Kraft, sondern weil Menschen mit mehr Macht für einen einstehen – etwas, was mir bis heute zuwider ist, aber den größeren Teil unserer sozialen und professionellen Welt ausmacht. Gesagt haben wollte ich all dies, um meine Wartezeit zu unterstreichen, die Anerkennung meiner Fähigkeiten, die nun mit einem fehlenden Praktikum niedergemacht wurden. Die beste Erwiderung für all dies fand Frau Richter nur in einem “andere haben es auch schwer” und genau hier war für mich der schmale Grat flapsiger Kommentare über mich als Bewerber zu verletzenden Äußerungen über meinen sozio-ökonomischen Hintergrund als Person of Color mehr als überschritten. Nicht nur wollte Frau Richter meine fehlenden Praktika als ein Versäumnis meiner anzeigen, da “Praktika ja auch bezahlt” seien, sondern Sie ging dazu über, meine Erfahrung mit einer überheblichen Generalisation zu übersteuern, die leider nur aus der Perspektive einer privilegierten weißen Person hätten kommen können. Frau Richter wollte mir klarmachen, dass auch Sie in einer anderen Branche Ihr Geld verdienen musste, bevor Sie eine Stelle in der Kunstvermittlung bekam, ohne auch nur einen Moment über die Implikationen Ihrer Aussage nachgedacht zu haben.
Natürlich könnte ich dies alles abtun, aber nachdem mir keine bessere Antwort geboten werden konnte, als das meine Fähigkeit an meiner Möglichkeit scheitere, ob und wie viele Praktika ich gemacht habe, obwohl ich mich für ein verlängertes Praktikum in Form eines Volontariats bewerbe (let´s face it…) und dieser Sachverhalt als eine Unzulänglichkeit dargestellt wurde, hat eine hässliche Wahrheit zum Vorschein gebracht, die wahrscheinlich auch Frau Richter nie verneinen würde, aber in diesem Moment tatkräftig verkörpert hat. Für ein Museum, für ein Haus, das sich sinnlichen Erfahrungsräumen verschrieben hat und Begegnungen auf einer ästhetischen Basis schaffen will, ist dies trotz aller Realität eine Schande. Ich habe ein Jahr gewartet, gegrübelt und lange den Fehler bei mir und meinem Verhalten oder einer tatsächlichen Unzulänglichkeit meiner Person gesucht, um zu dem Schluss zu kommen, dass ich dieses Erlebnis mit Ihnen teilen und die eigentliche Unzulänglichkeit auf institutioneller Seite ansprechen muss.
Sie und das MAK sind kein Einzelfall. Nach nunmehr 170 Bewerbungen an verschiedenste Kunsthäuser in ganz Deutschland und gerade Mal 3 Rückmeldungen bin ich an den Punkt gekommen, meine Rasse oder dem dt. Sprachraum gemäß, meine Ethnie und meine sozio-ökonomische Herkunft im Bereich der Kunstbetriebe zu hinterfragen. Sie und das MAK zu vereinzeln, weil ich mit Ihnen in Kontakt getreten bin und einschlägige Erfahrungen gemacht habe, die die schlimmsten Vermutungen bewahrheiten, das ist ungeheuerlich und dem ersten Gefühl nach unfair, da fühle ich ganz mit Ihnen! Denn Sie haben mir ja eine Einladung geboten, eine Chance zu sprechen, zumindest einmal so, dass es mir fair und mit allen Chancen auf den Job erschien.
Ich bin mir sicher, mit etwas Umsicht und weiser Voraussicht wird Ihnen klar sein, dass ich Ihnen nicht schreibe, um das MAK als eine rassistische Hochburg darzustellen, aber als ein Beispiel für ungleiche Voraussetzungen und eine Position eines unweigerlichen Gatekeepers, der Unterschiede aufgrund von Herkunft und Stand zu Faktoren in beruflichen Chancen macht. Das alles mag auch zu einer “so what” Reaktion führen, alles was ich beschreibe, würde nur von sehr gutgläubigen, ja, sehr naiven Menschen jemals mit vollem Glauben an eine Gesellschaft der Chancengleichheit und Pluralität verneint werden. Doch ohne Hashtags oder soziale Bewegungen für meine Aussage instrumentalisieren zu wollen, empfinde ich das Versagen einer öffentlichen Institution gravierend, die sich gegenwärtigen Themen aus Kunst, Gestaltung und Alltagskultur widmen und diese für eine immer diverser werdende Gesellschaft aufbereiten will. In den Äußerungen von Frau Richter finde ich neben der Anklage meiner Biographie die Verneinung eines Willens in einer Kultur existieren und wachsen zu wollen, die sich an den Affekten einiger Schreihälse gemessen immer mehr gegen Diversität und Verständnis richtet. Wenn auch diese Aussage nah an einem instrumentalisierenden Klischee vorbeischrammt: Meine Eltern haben sich nicht dafür den Arsch aufgerissen, dass die blühende Identität ihrer Nachfahren als wachsende Bedrohung verstanden wird. Aber ebenso wenig dafür, dass wir genau dann an die Glassdecken dieser Welt stoßen, wenn wir kulturelles Kapital erlangen wollen und in öffentlichen Bereichen wirken wollen – denn glauben Sie mir, ich könnte schon lange den Weg in eine gesichtslose Consultingmaschine gegangen sein und mit kaltem Geld über die Zustände derer lachen, die etwas bewirken wollen. Und für all das kämpfe ich, erlebe die bitterste Zeit meines Lebens.
Stellen Sie sich die Freude vor, wenn das Studium nicht mehr durch Bafög finanziert werden muss, weil der Sprung in die Studienstiftung gelungen ist. Und das Entsetzen darüber, dass man nach dieser finanziellen Chance wieder so dastehen muss, als hätte die Zeit finanzieller Sicherheit nur in der Blase des Studiums existiert. Stellen Sie sich vor, von einer beliebigen Person, die über Zukunft und Verdammnis entscheiden darf, stumpfe Behauptungen über die eigene Qualifikation hören zu müssen, die Notwendigkeit von unbezahlten Praktika zu verschleiert und sich mit einem “alle” haben es schwer selbst schützt. Meine sozio-ökonomische Herkunft ist klar von meiner Rasse geprägt, dem Weg, den meine Eltern gehen mussten, um überhaupt ein Leben in Frieden und körperlicher Unversehrtheit führen zu können und ihren Kindern eine Basis zu schaffen. Uns Perspektiven einer Bildung in die Hand zu legen, die auch dazu führen mögen, irgendwann nicht mehr gefragt zu werden, ob wir Deutsch können und wann wir wieder in unser Land zurückkehren. Aber gleichzeitig in eine Position, die es vielleicht ermöglicht, die eigene Erfahrung des Andersseins umzusetzen und für die Umwelt sichtbar und erfahrbar zu machen. Dies ist viel eher mein Wunsch, denn in Wahrheit wollten meine Eltern, dass ich Arzt, Anwalt oder Ingenieur werde, weil dies hoch angesehene Berufe einer alten Welt sind und finanzielle Sicherheit garantieren können. No representation before self-preservation. So eben, dass man nicht immer alte Unterhosen seines Bruders tragen, die Jacke der Schwester als Winterjacke nutzen oder den Sommerurlaub mit Papa in der Firma verbringen muss. Doch meine Liebe fand ich zur Kunst und einem Verständnis der Welt, in der vor allem die Bildung und Verbindung zu anderen Menschen vor Reichtum und persönlichem Ansehen eine größere Rolle spielen. Innerhalb der sinnlichen Erfahrung unserer Welt, unserem Begreifen als Körper getragen von Verstand und Affekten getragen von unendlicher Modalität, erkenne ich den Kern einer besseren Kultur und Politik. Diesem Ziel bin ich weiterhin verschrieben.
Wenn meine Begegnung mit dem MAK und neben allen Vorgängen unserer Zeit einen Punkt meines Lebens hervorgehoben hat, ist es das stete Wissen um die Steine im Weg und die Schwierigkeit, meine Aspirationen Wirklichkeit werden zu lassen. Mein Leben lang war ich daran erinnert, der Einzige zu sein, anders zu sein und mich beweisen zu müssen. Wie aus dem englischen Sprichwort aller PoC “you gotta work twice as hard, go twice as far to be acknowledge half as much”. Während meiner Schulzeit und dem Studium war ich der festen Überzeugung, dass Bildung mein Ausweg sei, meine eigene Situation sich soweit verbessern würde, dass sich dieses ständige Othering auflösen würde, wenn ich nur mit genug Fleiß und Elan gegen die Kräfte ankämpfen würde, die in mir nur eine Zecke und einen Feind der christlichen Welt (oder was gerade aktuell ist) sehen. Nun finde ich mich daran erinnert, dass die Gatekeeper gar nicht in Chemnitz marschieren müssen, um jemandem wie mir oder anderen Menschen aus differenter Herkunft und mit weniger finanziellen Mitteln ein Bein zu stellen und den Versuch auf Augenhöhe etwas für ihre Kultur bewegen zu wollen vereiteln. Wir finden die Hürden in der alltäglichen Kultur, die sich der Offenheit brüstet und in stillen Momenten aber gerne noch gegen Diversität entscheidet oder unsere Biographien durch den weißen Schlamm zieht, den sie als Meritokratie und Gleichheit betrachtet, aber sich Bagatellisierung nennt.
Letztlich kann ich Ihnen, Herr Wagner und Frau Weber nur sagen, dass mich diese Erfahrung von dem Gedanken ein Volontariat zu absolvieren weit entfernt hat, ganz abgesehen davon, ob ich jemals eine Stelle bekommen hätte. Das ist keine Resignation und kein Aufgeben, aber die Erkenntnis, dass ich meinen Weg anders erreichen und wie immer über den üblichen Weg hinweg eigene Pfade finden muss. Wenn mein Leben einen Modus kennt, dann den des “in spite of”. Trotz dessen, dass meine Eltern immer als dumme Ausländer angesehen werden, haben sie eine Existenz in Deutschland erarbeiten können, trotz dessen, dass ich einen Ausländertest vor meiner Einschulung machen musste, habe ich das Gymnasium besucht und als erster Ausländer meiner Schule den Scheffelpreis in Deutsch geknackt, nicht nur erhalten. Trotz dessen, dass ich nicht mit einem Haufen unbezahlter Praktika und einem Elternhaus, dass sich so lange um meine Knechtschaft kümmern kann, bis ich genug Referenzen und Stiefel geleckt habe, um eine Position zu ergattern, werde ich meinen Weg gehen und mir und anderen einen Platz in der Gestaltung der kulturellen Landschaft Deutschlands schaffen.
Rassismus spielt auch in Ihren eigenen Reihen eine Rolle und ich hoffe, Sie nehmen Ihrer persönlichen-emotionalen Reaktion als weiße Person und der Fragilität dieser Identität zum Trotz diesen Brief als Anlass, ein Umdenken in Gang zu setzen, indem Sie bei der Bewerbung anderer potentieller Anwärter mehr in Betracht ziehen, als deren Praktika um weiche Ideen von Motivationen aus diesen Faktoren ablesen. Nicht jedem Menschen ist es gestattet neben der Bildung und Ausbildung noch für eine Zukunft zu arbeiten, dass nach heutigen Verhältnissen der Bezahlung, der Sicherung von Leib und Wohl nur einigen wenigen vorbehalten erscheint. Nicht alle Menschen haben es gleich schwer und es ist höchste Zeit, dass Sie als Vorreiter eines Museums, wie es das MAK versucht zu sein, Ihre eigene weiße und privilegierte Identität in Betracht ziehen und lernen, aus dieser mit einem eigenen kritischen Verständnis zu handeln. Denn glauben Sie mir, wenn ich neben meiner eigenen Biographie und wuchernden Rassismen eines beobachte, sind es Generationen von Ausländerkindern und Migranten, die ihren Weg in diese Welt und Kultur machen werden und durch ihr eigenes Sein und Empfinden die Wahrnehmung kippen werden, ob ihnen geholfen wird oder nicht. In spite of until undeniable.
In spite of until undeniable,
Jayanthan Sriram

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